Wohin geht die Klimabewegung in 2022? –
Ein Diskussionsbeitrag zum Artikel “Die Panik vor den Rettern”
(Sven Hillenkamp, Zeit online)

1. These

Sven Hillenkamp analysiert die aktuelle Klimabewegung am Beispiel von Fridays For Future in Deutschland und Schweden. Er formuliert das grundlegende Dilemma zwischen dem was getan werden muss (dh die Wissenschaft fordert) und dem was getan werden kann (cf eine demokratische Mehrheit bereit ist zu tun). Er zieht den Schluss, dass die Klimabewegung dabei ist, ihre Ziele zu verfehlen, wobei eine wesentliche Barriere ist, dass die Bewegung nicht wächst. Er führt dies auf die wachsende Anzahl und Stärke der Forderungen der Bewegung zurück, welche unter dem Begriff “Intersektionalität” verschiedenste Forderungen nach Gerechtigkeit (dh Gerechtigkeit für Klima, Frauen, Farbige (People of Colour), LGBT, …) “addieren”. Diese Radikalisierung von “linken” (progressiven) Forderungen erhöht jedoch den Abstand zwischen der Klimabewegung und der “rechten” (konservativen) gesellschaftlichen Mehrheit (siehe Titel “Panik vor den Rettern”), wodurch die Anzahl von Personen, welche die als extrem wahrgenommen Klimabewegung zu unterstützen bereit sind, immer geringer wird und die gesellschaftlichen Transformation gebremst wird. Hillenkamp zieht daraus die Schlussfolgerung, dass sich die Klimabewegung wieder der gesellschaftlichen Mehrheit annähern muss, um weiter wachsen zu können und eine gesellschaftliche Transformation bewirken zu können.

2. Anti-These

Die Schwäche der Klimagerechtigkeitsbewegung (“Klimabewegung”)  – gemessen an der beobachteten fehlenden Systemveränderung und Reduktion von GHG Emissionen  – beruht auf mehreren Ursachen, von welchen die wachsende Distanz zwischen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der gesellschaftlichen Mehrheit eine von mehreren Ursachen ist, zu welcher wiederum mehrere Faktoren beitragen.

2.1 Ideologie

Der durch die Klimakrise hervorgerufene Konflikt ist ideologisch, dh durch Wertvorstellungen, begründet, wobei die Forderungen der Klimabewegung überwiegend mit den Forderungen der politischen Linken nach mehr sozio-ökologischer Gerechtigkeit übereinstimmen als mit den Forderungen der politischen Rechten, z.B. nach technologischer Innovation und technischen Lösungen, wobei die vorhandenen Sozialstrukturen erhalten bleiben. Die oft vorgetragenen Behauptung, dass Klimaschutz im Interesse aller Parteien liegen sollte, ist daher so nicht richtig, was auch mit Alltagsbeobachtungen übereinstimmt,  die zeigen, dass die politische Rechte Klimaschutz in Worten und/oder Taten ablehnt. Zum Verständnis der Übereinstimmung der Ziele im Klimaschutz mit  linker bzw. rechter Ideologie, dienen die folgenden Definitionen von linker und rechter Politik:

Unter der politischen Linken werden relativ breit gefächerte weltanschauliche Strömungen des politischen Spektrums verstanden. Die mitunter weit voneinander entfernten Strömungen der politischen Linken eint dabei, dass sie von der Gleichheit der Menschen ausgehen. Mit linker Politik werden sehr unterschiedliche Umsetzungsversuche jener ideologischen Ansätze bezeichnet, welche die Aufhebung von Ungleichheit und als Unterdrückung begriffenen Sozialstrukturen zugunsten der wirtschaftlich oder gesellschaftlich Benachteiligten zum Ziel haben.
https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Linke

Als politische Rechte wird ein Teil des politischen Spektrums bezeichnet. Sie geht von einer Verschiedenheit der Menschen aus und befürwortet oder akzeptiert daher eine gesellschaftliche Hierarchie. Ungleichheit wird deshalb von der politischen Rechten als unausweichlich, natürlich, normal und wünschenswert betrachtet … Hier ist zu unterscheiden zwischen der klassischen Rechten, welche die Ungleichheit durch Erbfolge und Familientradition gerechtfertigt sieht, und der liberalen Rechten, welche Ungleichheit nur dann für gerechtfertigt hält, wenn sie das Resultat eines fairen Wettbewerbs ohne Vorteilsweitergabe an Nachfahren ist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Rechte_(Politik)

In Anbetracht der notwendigen oder resultierenden sozialen Veränderungen, welche aus einer effektiven Klimapolitik resultieren würden, ist der Widerstand, welcher die bestehende Gesellschaftsordnung mit einer ungleichen Verteilung von Macht und Vermögen bewahren oder stärken möchte, dh rechter Politik, zwangsläufig.

Hierbei trägt auch die wachsende sozio-ökonomische Ungleichheit zu einer Vergrösserung der politischen Distanz zwischen den Forderungen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der gesellschaftlichen Mehrheit bzw. der politisch und wirtschaftlich einflussreichen Elite bei.

2.2 Psychologie

Der durch die Klimakrise hervorgerufene Konflikt zwischen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der gesellschaftlichen Mehrheit ist auch psychologisch, dh durch unterschiedliche Motive, begründet.

Zum einen gibt es das Streben nach Macht und Vermögen, um unabhängig von gesellschaftlichen Anforderungen, als Individuum ein Leben nach eigenen Wertvorstellungen gestalten zu können (cf “Freiheit”, Liberalismus). Zum anderen das Streben nach sozialem Zusammenhalt und Solidarität, wodurch auch Gefahren, welche ein Individuum alleine nicht bewältigen könnte, z.B. eine schwere Krankheit, überstanden werden können (cf “Sicherheit”, Sozialismus).

Die Kombination von Macht, Vermögen und sozialem Zusammenhalt und Solidarität ermöglicht einem Individuum dabei maximale Sicherheit und Freiheit bei der Gestaltung seines Lebens. Diese psychologischen Grundmotive finden sich auch in der Unterscheidung der politischen Linken und Rechten wieder.

2.3 Wissenschaft

Der durch die Klimakrise hervorgerufene Konflikt ist auch wissenschaftlich begründet, dh er basiert auf der Forderung, das Klima zu schützen (und entsprechende gesellschaftlichen Veränderungen durchzuführen) der empirischen Wissenschaft  und der Forderung, das Klima nicht zu schützen und (und die gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen zu bewahren) der Gesellschaftsschichten, welche vom aktuellen System begünstigt werden. Die wissenschaftlichen Forderungen beruhen dabei auf physikalischen Gesetzen, sind primär datenbasiert und unterliegen nur sekundär sozialen Faktoren (z.B. Konsensbildung im UNFCCC und IPCC), wobei die tatsächlichen physikalischen Gesetze vollkommen unabhängig von sozialen Faktoren sind.

Hierbei trägt auch die voranschreitende Klimakrise, die immer stärkere Massnahmen erfordert, um eine Klimakatastrophe zu vermeiden, zu einer Vergrösserung der politischen Distanz zwischen den Forderungen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der gesellschaftlichen Mehrheit bei.

2.4 Demokratie

Der durch die Klimakrise hervorgerufene Konflikt bzw. die Schwäche der Klimabewegung, wird auch dadurch verursacht, dass die Mehrheit der Interessengruppen, welche  Klimaschutz fordern würden, dh alle nachfolgenden Generationen oder Menschen des Globalen Südens, in unseren aktuellen demokratischen Systemen der Industrieländer nicht repräsentiert sind, da diese gleichermassen eine “Diktatur der Lebenden” bzw. “Diktatur der Täter” darstellen.

Während die Stabilität von Demokratien darauf beruht, dass die aktuelle gesellschaftliche Mehrheit als ultimatives Kriterium für Gerechtigkeit einen sozio-ökologischen Ausgleich garantiert, ist dieses Prinzip in der Klimakrise hinfällig, da die Kosten des aktuellen Systems auf zukünftige Generationen verschoben werden, welche nicht zum gesellschaftlichen Konsensus beitragen können. Entsprechend Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung [2], zeigt die Klimakrise, dass konventionelle Gerechtigkeitsbegriffe, welche auf einer sozialen Mehrheit beruhen, ungeeignet sind, diese Krise zu bewältigen, und stattdessen absolute Werte (“Die Biosphäre muss erhalten bleiben!”) angewendet werden müssen.

2.5 Intersektionalität

Die aktuelle Fokusierung der Klimabewegung auf Intersektionalität stellt den Versuch dar, die vernetzten Probleme im Anthropozän, welche durch den Transport von Ressourcen von den Armen und Schwachen  zu den Reichen und Starken bzw. durch den Transport von degradierten Ressourcen (Abfall) in umgekehrter Richtung charakterisiert wird, zu nutzen, um Allianzen zwischen verschiedenen Gerechtigkeitsbewegungen zu schaffen und eine stärkere, übergreifende, progressive Bewegung (“a movement of movements”) zu bilden.

Hierbei besteht ein Widerspruch zwischen der Intention eine Verbundmenge an Werten zu bilden (“Allianz”) und der von der gesellschaftliche Mehrheit wahrgenommenen Schnittmenge an Werten  (“Extremismus”). Das heisst konkret: Während die progressive (Klima)Bewegung sagt “Komm zu uns, wenn EINER dieser Werte für Dich wichtig ist!”, versteht die Mehrheit “Komm zu uns, wenn ALLE dieser Werte für Dich wichtig sind!”

Hier bestehen jedoch auch Konflikte innerhalb der Klimabewegung in der Hinsicht, dass extreme Subgruppen in der Tat eine Schnittmenge von Werten propagieren, welche von der Mehrheit als extrem und nicht nachvollziehbar empfunden wird, während gemässigte Subgruppen eine Verbundmenge von Werten propagieren.

Auch wenn die extreme Gerechtigkeitsbewegung in der aktuellen Lage mit multiplen Krisen (Klima, Artensterben, Plastikabfall, Vermögensverteilung, …) als wissenschaftlich und moralisch angemessen zu werten ist, stellt sie eine Überforderung der meisten Personen dar, sich für sozial-ökologische Gerechtigkeit zu engagieren.

2.6 Strategie zur sozialen Transformation

Während soziale Transformation in demokratischen Systemen letztendlich durch eine gesellschaftliche Mehrheit mitgetragen werden muss, bedeutet das nicht notwendiger Weise, dass erfolgreiche politische Bewegungen Werte nah an der politischen Mitte propagieren müssen, um erfolgreich zu sein.

Während durch Massenbewegungen soziale Einstellungen einer gesellschatflichen Mehrheit beeinflusst werden können, können auch radikale Gruppen (“Ausreisser”) durch extreme politische Forderungen,  die Spannbreite der Lösungsmöglichkeiten vergrössern  (cf “Overton-Fenster”) [3] und andere weniger radikale Gruppen als gemässigt erscheinen lassen, welche dadurch für die politischen Gegner attraktiver werden, um zu verhindern, dass extreme Gruppen mehr politischen Einfluss gewinnen (dh gemässigte Gegner erscheinen als “kleineres Übel”)

2.4 Gruppendenken

Hierbei trägt auch die wachsende soziale Isolierung (engl. tribalism, group think) zwischen Gruppen von Gleichgesinnten zu einer Vergrösserung der politischen Distanz zwischen den Forderungen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der gesellschaftlichen Mehrheit bei. Vermutlich spielen hier auch Algorithmen von sozialen Medien eine wichtige Rolle, welche Menschen Inhalte präsentieren, welche sie in ihrer Weltanschauung bestätigen, und somit die politische Distanz zwischen Gruppen vergrössern.

3. Synthese

Während eine Annäherung eines Teiles der Klimabewegung an die gesellschaftliche Mehrheit ihren Zielen förderlich sein kann, z.B. um zu einem Wachstum der Zahl von Aktivisten und Unterstützern beizutragen, ist die Anwendung dieser Forderung auf die gesamte Klimabewegung weder wissenschaftlich angemessen noch als generelle Strategie zielführend und möglicherweise gefährlich für ihre Hauptziele.

Die relative Schwäche der Klimabewegung ist auf die prinzipielle, monumentale Grösse des Problems, welche eine fundamentale Systemveränderung erfordert,  und Schwächen in der Kommunikation und Aussendarstellung der Klimabewegung zurückzuführen.

Diese Schwäche kann möglicherweise durch eine Differenzierung der Klimabewegung überwunden werden, bei der sich die jeweiligen Subgruppen, ihrer Hauptziele (z.B. Klimaschutz, Biodiversität, Feminismus, …), ihrer Strategie (z.B. Massenbewegung, Polarisierung, …) und ihrer Methoden (z.B. Identifikation, Provokation, …) bewusst werden, sie gezielt anwenden, und diese klar an die Öffentlichkeit kommunizieren, um die Wahrnehmung der Klimabewegungen bzw ihrer Subgruppen zu steuern und gezielt neue AktivistInnen rekrutieren zu können.

Referenzen

[1] https://www.zeit.de/kultur/2022-03/fridays-for-future-klimastreik-klimabewegung-klimawandel

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kohlbergs_Theorie_der_Moralentwicklung

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Overton-Fenster

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