Reihe “Warme und aufgewärmte Worte” – Gedichte zum Anthropozän

0. Vorwort

Zum Start der Reihe “Warme und aufgewärmte Worte” möchte ich ein Gedicht mit dem Titel “Anthropozän oder Der letzte Kuss” vorstellen, welches ich in einem Anflug von Sentimentalität letzten Dienstag verfasst habe. Dafür dass ich davor mein letztes Gedicht vor mehr als 20 Jahren geschrieben habe, finde ich es ganz gelungen. Es hat erträglich viel Selbstmitleid, enthält nicht zu viele dramatische Übertreibungen,  ist an einer Stelle sogar ein bisschen lustig, und könnte von manchen Lesern sogar als hoffnungsvoll interpretiert werden. Danke auch an meine Familie für die konstruktive Kritik und die grammatikalischen Tipps … 😉

1. Anthropozän  oder Der letzte Kuss

Wilmar Igl, Version 0.89, Uppsala, 2020-08-06

Ich will gehen, ich möcht’ lassen.
Ich schien nie recht zur Welt zu passen.
Ach je, nun da ich gehen muss,
Verspür ich Lust nach einem Kuss,
Zu geben dieser bösen Mutter,
Der ich gebor’n in Asch und Schutt, der
Ich trotz all der vielen Schmerzen
Doch einen Platz gab in mein’m Herzen.

Die Welt, sie rast auf g’rader Bahn
Zum Abgrund, den Mensch aufgetan.
In diesem Zug, wo wir nachts liegen,
Neben Menschen, die wir lieben,
Scheint tot zu sein der letzte Sprung,
Bevor wir alle geh’n zu Grund.
Allein sich selbst zu retten, mag nicht lindern,
Den Schmerz zu seh’n in all den Kindern.

Glück, freudestrahlend, ohne Leid,
Es sei denn gewählt das falsche Kleid.
Kinder sind die Welt, die wäre,
Ohne Gier, Dummheit und die Schwere,
Gemacht von Menschen ohne Lehre, ohne Liebe,
wie kluge Tiere, nur gelenkt vom Triebe,
Reich, schön, und beliebt zu sein
und doch ganz klein,
Nicht aufzufall’n, nicht aufzusteh’n,
Den ander’n folgen, ganz bequem.

Dem Tod zu folgen – und doch dem Leben,
Sich zu erheben und zwar verwegen,
Nicht aufzugeben, mit feuchten Aug’n,
Zu wenden Steine, ob sie taug’n,
Zu retten, was uns lieb und teuer,
Scheint auch die Aufgab’ ungeheuer,
Scheint mir die Pflicht, die müssen muss!
– Zeit hab ich später für den Kuss.

Anmerkung: Bei Depressionen, Ängsten oder suizidalen Gedanken im Allgemeinen oder im Zusammenhang mit den aktuellen ökologischen Krisen im Besonderen, können Betroffene oder Angehörige in Deutschland sich an professionelle Psychologische oder Ärztliche Psychotherapeuten wenden. Die Telefonseelsorge stellt ein erstes, niederschwelliges Angebot dar.

 

 

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